‘Abdu’l-Bahá | Die Verkündigung des Weltfriedens
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‘Abdu’l-Bahá
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Die Verkündigung des Weltfriedens
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Ansprachen ‘Abdu’l-Bahás während Seines Besuchs in den Vereinigten Staaten und Kanada im Jahr 1912
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Vorwort zur Ausgabe 1982
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Mit großer Freude und dem Gefühl, dass die Zeit reif ist, veröffentlichen wir diese neue Ausgabe von Die Verkündigung des Weltfriedens, denn dieses Jahr, 1982, markiert den 70. Jahrestag des historischen Besuchs ‘Abdu’l-Bahás auf dem amerikanischen Kontinent. ‘Abdu’l-Bahá war der Sohn Bahá’u’lláhs, des Stifters des Bahá’í-Glaubens, und dieser Besuch war ein Ereignis, das einen tiefgreifenden Einfluss sowohl auf die Entwicklung des jungen Glaubens in der ganzen Welt als auch auf das Leben unzähliger Menschen haben sollte. Im Jahr 1908 hatte die Jungtürkische Revolution das tyrannische Regime des osmanischen Sultans ‘Abdu’l-Ḥamíd gestürzt. Eine der ersten Maßnahmen der neuen Führung war die Freilassung aller ehemaligen politischen und religiösen Häftlinge, zu denen auch ‘Abdu’l-Bahá gehörte. Er hatte 40 Jahre der Verfolgung und Verbannung mit Seinem Vater geteilt und nach dem Tod Seines Vaters weitere 16 Jahre als Gefangener gelebt.
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Befreit von den bedrückenden und oft entsetzlichen Umständen, unter denen Er in den frühen Jahren Seiner Amtszeit als ernannter Nachfolger Seines Vaters die Angelegenheiten des Bahá’í-Glaubens geleitet hatte, begann ‘Abdu’l-Bahá sofort, eine Reise in den Westen zu erwägen. Eine solche Reise würde sowohl dazu dienen, den Glauben der vereinzelten Bahá’í-Gruppen auf dem gesamten europäischen und nordamerikanischen Kontinent zu stärken, als auch das öffentliche Interesse für den Glauben zu steigern. So reiste ‘Abdu’l-Bahá zunächst vom Heiligen Land nach Ägypten, dann im Jahr 1911 nach Europa und kehrte für den Winter wieder nach Ägypten zurück. Am 25. März 1912 verließ Er Alexandria mit einem Passagierschiff – Sein Ziel: New York und eine Reise, die Ihn schließlich über den gesamten nordamerikanischen Kontinent führen sollte, mit Aufenthalten in vielen Großstädten der Vereinigten Staaten.
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Neun Monate, insgesamt 239 Tage, bereiste ‘Abdu’l-Bahá unermüdlich die USA und Kanada: Zuerst entlang der Ostküste, von Maine nach Washington, D.C., nach Chicago und wieder zurück, mit Aufenthalten in Städten wie Philadelphia, Pittsburgh und Cleveland. Schließlich durchquerte Er den Kontinent über Montreal (Kanada), Minneapolis, St. Paul und Denver bis zur Westküste und kehrte anschließend nach New York zurück, wobei Er in einigen der Städte, die Er bereits besucht hatte, längere Zeit verweilte. Als ‘Abdu’l-Bahá am 5. Dezember 1912 von New York aus in See stach, hatte Er eine der anstrengendsten Lehrreisen der gesamten aufgezeichneten Religionsgeschichte vollendet. Das ist umso bemerkenswerter, als diese Leistung von einem 68-jährigen Mann vollbracht wurde, dessen Gesundheit durch lange Jahre der Entbehrung und Gefangenschaft angegriffen war. Zurück blieb eine weit verteilte, durch große Entfernungen voneinander getrennte Schar von Gläubigen, die durch Seine geduldigen und beharrlichen Bemühungen zu einer aufstrebenden Bahá’í-Gemeinde zusammengeschweißt worden war.
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Die Verkündigung des Weltfriedens ist eine Zusammenstellung vieler Ansprachen, die ‘Abdu’l-Bahá während Seines Besuchs in den Vereinigten Staaten und Kanada gehalten hat. In diesen Ansprachen erläuterte Er die von Bahá’u’lláh verkündeten Grundsätze des Bahá’í-Glaubens. Immer wieder sprach Er zu allen, die kamen, um Ihm zuzuhören, Bahá’í wie Nicht-Bahá’í, über die Gleichberechtigung von Mann und Frau, den Einklang von Wissenschaft und Religion, die Notwendigkeit umfassender Bildung und einer Welthilfssprache, das eigenständige Erforschen der Wahrheit, die Einheit Gottes, die Einheit und Kontinuität der Sendboten Gottes, die Einheit der Menschheit und die Beseitigung von Vorurteilen aller Art – alles wesentliche Voraussetzungen für den von Bahá’u’lláh verkündeten Weltfrieden, der Thema und Titel dieses Buches ist.
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Obwohl Die Verkündigung des Weltfriedens eine Zusammenstellung von Ansprachen ist und genau genommen kein ›Werk‹ ‘Abdu’l-Bahás, hat es dennoch einen einzigartigen Stil und einen einzigartigen Platz in Seinen gesammelten Schriften und Ansprachen. Sein Wille und Testament, das in drei Abschnitten verfasst ist, bildet die Grundlage für die Administrative Ordnung des Bahá’í-Glaubens und gewährleistet ihre Integrität und Einheit. Das Geheimnis Göttlicher Kultur ist eine Abhandlung über den allgemeinen Zustand der modernen Zivilisation und Kultur. Auf den Pfaden der Gottesliebe ist eine Chronik der Frühgeschichte der Bábí- und Bahá’í-Religion. Vorbilder der Treue enthält die Erinnerungen ‘Abdu’l-Bahás an neunundsiebzig frühe Bahá’í, die alle durch ihre Liebe zu Bahá’u’lláh miteinander verbunden waren. Beantwortete Fragen – vom Format her vielleicht der Verkündigung des Weltfriedens am ähnlichsten – ist eine Reihe von Darlegungen zu verschiedenen Themen. Jedoch beruhen Beantwortete Fragen auf Fragen, die ‘Abdu’l-Bahá gestellt wurden. Für Die Verkündigung des Weltfriedens wählte ‘Abdu’l-Bahá die Themen größtenteils selbst aus – Er wählte sie sorgfältig und gezielt aus, manchmal sogar mit absichtlicher Wiederholung. Er war schließlich nicht als Tourist in den Westen gekommen, sondern sozusagen als Gesandter Seines Vaters. Bei Seiner Ankunft in New York erklärte Er: »Mein Ziel ist es, in Amerika die Grundprinzipien der Offenbarung und der Lehre Bahá’u’lláhs darzulegen.«
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Und genau das hat Er getan! Diese neue Ausgabe von Die Verkündigung des Weltfriedens ermöglicht es uns, 70 Jahre nachdem die Ansprachen erstmals gehalten wurden, in der ersten Reihe zu sitzen und zuzuhören, wie ‘Abdu’l-Bahá geduldig alle Facetten des Bahá’í-Glaubens erklärt und zeigt, wie jede dazu beitragen kann, unserer von Krisen geschüttelten Welt Hoffnung, Frieden und Trost zu bringen, bis wir, wie Er sagte, den Mut aufbringen, den wir brauchen, um »diese Prinzipien in den Köpfen, Herzen und im Leben eines jeden Menschen zur Entfaltung und zur Anwendung zu bringen.«
Einführung in Die Verkündigung des Weltfriedens
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Von Howard MacNutt
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Zwei Jahre vor dem Ausbruch des Weltkriegs, der die Kontinente erschütterte und die Ozeane aufwühlte, besuchte ‘Abdu’l-Bahá ‘Abbás die Vereinigten Staaten von Amerika und verkündete die frohe Botschaft des Weltfriedens und der Einheit der Menschheit. In Seiner Botschaft beleuchtete Er die sozialen, religiösen und politischen Zustände der Nationen, sagte den bevorstehenden Krieg und militärischen Konflikt klar voraus und rief die Menschheit dazu auf, sich unter dem Banner göttlicher Führung zu versammeln, das in diesem Zeitalter aller Zeitalter von der Offenbarung und den Lehren Bahá’u’lláhs gehisst wurde. Sein Besuch, der sich von April bis Dezember 1912 erstreckte, umfasste eine Reiseroute quer durch den Kontinent und wieder zurück, was einen außergewöhnlichen und unglaublichen Kraftaufwand für Ihn bedeutete, der sich an der Schwelle zu Seinem 70. Lebensjahr befand und nahezu Sein ganzes Leben für die Sache Gottes im Exil und in Gefangenschaft verbracht hatte.
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Diese kostbare Sammlung Seiner Worte besteht aus einer Zusammenstellung frei gehaltener Ansprachen in persischer und arabischer Sprache, die von erfahrenen, Ihn begleitenden Dolmetschern übersetzt und in orientalischer und abendländischer Sprache stenografisch festgehalten wurden.
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Am Tag Seiner Ankunft in New York sagte Er: »Ich beabsichtige, in Amerika die grundlegenden Prinzipien der Offenbarung und Lehren Bahá’u’lláhs darzulegen. Es wird dann die Aufgabe der Bahá’í dieses Landes sein, diese Grundsätze in den Köpfen, Herzen und im Leben der Menschen zur Entfaltung und Anwendung zu bringen.« Die Worte ‘Abdu’l-Bahás zeichnen sich daher durch allgemeine Verständlichkeit und Praxisnähe aus, ohne metaphysische Höhenflüge, philosophische Mutmaßungen und bloße wortgewandte Rhetorik. Sie spiegeln stets die reine Schönheit des Wortes Gottes wider, jenes ursprünglichen, wesentlichen, ewigen Fundaments, auf dem Religion, Wissenschaft und jeglicher menschlicher Fortschritt ruhen.
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Überall auf Seiner Reise durch die Vereinigten Staaten wurde ‘Abdu’l-Bahá in einem Geist der Liebe und Verehrung empfangen und willkommen geheißen. Tempel und Kirchen aller Glaubensrichtungen, Synagogen, Friedensgesellschaften, religiöse Institutionen und Bildungseinrichtungen, Hochschulen, Frauenvereine, spirituelle Gruppen und New-Thought Zentren öffneten bereitwillig und ohne Vorbehalte ihre Türen, Kanzeln und Podien für Seine Botschaft. Er nahm an Friedenskonferenzen am Mohonk-See teil, besuchte das offene Forum in Green Acre am Piscataqua-Fluss, sprach zu großen Versammlungen an den Universitäten von Columbia und Leland Stanford, wissenschaftlichen Vereinigungen, sozialistischen Gremien, ethischen Kultgemeinschaften, Wohlfahrts- und Wohltätigkeitsorganisationen, nahm an Empfängen und Banketten in den Villen der Reichen teil, besuchte die Armen und Niedriggestellten in ihren bescheidenen Häusern, trug das Licht der Hoffnung und der Ermutigung zu den betrübten Seelen in der Bowery-Mission; kurzum, Er verkündete überall Seine Botschaft und Lehren allen Menschen jeglichen Standes und Fassungsvermögens mit solch reinen und aufrichtigen Beweggründen, dass Ihm alle gerne und ohne Vorurteile oder Feindseligkeit zuhörten. Darüber hinaus waren Seine Wohltätigkeit im Namen Gottes und der liebevolle Dienst an der Menschheit selbstlos und ohne Gegenleistung, denn ‘Abdu’l-Bahá akzeptierte niemals eine Vergütung – ein höchst ungewöhnlicher Fall und ein heilsamer Gegensatz zur Geldgier anderer Besucher aus dem Orient. Im Gegenteil, es war Seine Gewohnheit, großzügige Spenden an bedürftige Kirchen und religiöse Einrichtungen zu leisten und Gesellschaften und Vereinigungen, die sich universellen Prinzipien und Idealen widmeten, oft mit großzügigen Geschenken und Beiträgen zu unterstützen. Eines Abends stand Er am Eingang der Bowery Mission und verteilte 200 Dollar in Silbermünzen an eine lange Reihe armer, verzweifelter Männer und ermutigte sie mit aufbauenden Worten, während sie an Ihm vorbeigingen. Unter allen Umständen weigerte sich ‘Abdu’l-Bahá, für Sich oder die Sache, die Er vertrat, Geld anzunehmen. Als die Bahá’í dieses Landes von Seiner Absicht hörten, sie zu besuchen, kamen Spenden in Höhe von 18 000 Dollar zusammen, die Seine Reisekosten abdecken sollten. Er wurde über diese Spendenaktion informiert und ein Teil des Geldes wurde Ihm überwiesen. Er telegrafierte, dass die von Seinen Freunden beigesteuerten Gelder nicht angenommen werden konnten, gab das Geld zurück und wies sie an, ihre Spende den Armen zukommen zu lassen.
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Kurzum, der Besuch ‘Abdu’l-Bahás in den Vereinigten Staaten war einzigartig und bezeichnend für Seine erhabene, heilige Mission und zeigte Seine unverkennbar selbstlose Absicht und Reinheit der Beweggründe. Philosophen, Wissenschaftler, Agnostiker, Materialisten, Professoren, Diplomaten und Beamte saßen in Seinem Publikum und hörten aufmerksam zu, stellten aufrichtige Fragen zu Seiner Darstellung der erhabenen Prinzipien und vollkommenen Ideale der Bahá’í-Offenbarung und darüber, wie sie auf die Bildung, die Erhebung und die Vereinigung der Menschheit angewendet werden können. In allen redaktionellen Kommentaren und Pressenachrichten über Ihn waren der Ton und die inhaltliche Darstellung der Tagespresse ehrerbietig und respektvoll, da sie instinktiv Seine hohe Zielsetzung und die offensichtliche Vortrefflichkeit Seiner Lehren für die Welt erkannten.
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Ein Verständnis des Auftrags und der Bedeutung dieses strahlenden Herolds des Neuen Tages wäre unvollständig ohne einen Blick zurück auf die sich verdichtende Religionsgeschichte, wie sie sich, nahezu zeitgleich mit der Geburt der amerikanischen Unabhängigkeit im Jahr 1776, bis zur Ankunft ‘Abdu’l-Bahás hier in den USA abspielte.. Dies ist von besonderer Bedeutung auch vor dem Hintergrund, dass Bahá’u’lláh, als Er im Jahr 1868 Sendbriefe an die Könige und Herrscher der Erde sandte, einen davon an die Republik der Vereinigten Staaten mit den Worten richtete: »O ihr Herrscher Amerikas und ihr Präsidenten seiner Republiken! …Verbindet den Verletzten mit den Händen der Gerechtigkeit und zermalmet den Unterdrücker auf der Höhe seiner Macht mit der Rute der Gebote eures Herrn, des Gesetzgebers, des Allweisen.« Eine kurze Zusammenfassung wird ausreichen, um diese geistige Abfolge und historische Entwicklung zu zeigen, deren Höhepunkt und Vollendung ‘Abdu’l-Bahá ist.
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Das Dämmerlicht der strahlenden Sonne der Wahrheit, das Wort Gottes, das in diesem leuchtenden Zyklus vom Himmel des göttlichen Willens am Horizont der Menschenwelt aufleuchtete, wurde in den reinen Spiegeln der Heiligkeit Shaykh Aḥmad-i-Aḥsá’í und Siyyid Káẓim-i-Rash reflektiert. Wie die Morgensterne dem Erscheinen des mächtigen Tagesgestirns vorausgehen, so erhoben sich diese strahlenden Seelen nacheinander gegen Ende des 18. Jahrhunderts in Persien, durchdrangen die düsteren Schatten der Nacht und verkündeten den Glanz der nahenden Manifestation. Nach Vollendung dieser Mission erloschen in den Jahren 1826 und 1844 die Lampen ihres körperlichen Daseins.
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Am 23. Mai 1844 entflammte Seine Heiligkeit Mírzá ‘Alí-Muḥammad, der Báb, plötzlich die Welt, als Er im persischen Shíráz verkündete, der Tag Gottes sei nahe. Dieser Herold und Wegbereiter, dieser charismatische Bote des Königreichs, verkündete sechs Jahre lang Seinen himmlischen Ruf, bis im Jahre 1850 die flammende Zunge und Feder Seiner Beredsamkeit in der Agonie eines glorreichen Martyriums verstummten.
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Dann erstrahlte der Himmel der Religion im Glanze Seiner Heiligkeit Bahá’u’lláh, der ›Herrlichkeit Gottes‹, des Offenbarten Wortes und der Sonne der Wahrheit, und ergoss vierzig Jahre lang Ihre Gaben über die Menschheit – bis zu Ihrer Entrückung (d.h. dem Hinscheiden Bahá’u’lláhs) im Jahre 1892. In all diesen Jahren war dieses Herrliche Wesen ständiger Verbannung, Gefangenschaft und Unterdrückung durch weltliche Herrscher ausgesetzt, bis Er nach endlosen Strapazen und Leiden aus diesen elenden Verhältnissen und einem Umfeld religiöser und politischer Tyrannei zu Seiner Wohnstätte in der höchsten Welt aufstieg.
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Aber die Gleichung der göttlichen Absicht war noch unvollständig. Das Kommen Bahá’u’lláhs hatte die prophetischen Verheißungen der heiligen Bücher der Juden, Christen, Muslime, Zoroastrier, Hindus, Buddhisten und anderer erfüllt. Wie mächtige Flüsse, die auf ihre eigenen Quellgebiete beschränkt sind, hatten diese getrennten Systeme religiöser Glaubensüberzeugung und Anbetung, die sich in ihrem Verlauf nicht mischen konnten, ihre vorbestimmte Vereinigung und ihren Zusammenfluss im unendlichen Ozean der Äußerungen Bahá’u’lláhs gefunden. Die höchste und erlesenste Frucht der göttlichen Offenbarung, die Vollendung der Verheißung und das umfassende Ziel, dem alle himmlischen Religionen zustrebten, war die Essenz der Zeitalter – das ›Geheimnis Gottes‹, ein vollkommener ›Diener‹, in Dem göttlicher und menschlicher Wille vollends verschmolzen. Diese geheiligte Persönlichkeit sollte am großen Tag Gottes erscheinen – jenem Tag umfassenden Glanzes, von dem geschrieben steht: »Der Herr wird kommen in seiner ganzen Herrlichkeit. Alle Welt wird ihn sehen.«Jesaja 40,1A
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In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts waren die Nationen und Völker der Welt in ihrem materiellen Dasein so eng miteinander verbunden und zusammengewachsen, in ihren Anforderungen und ihrem Lebensbedarf so miteinander verflochten und voneinander abhängig, dass die Probleme und die Politik einer einzelnen Regierung nun die Lebensbedingungen aller betrafen und beeinflussten. Die Welt war zu einer großen Menschheitsfamilie geworden, in der Interessen eng miteinander verbunden waren, Verantwortung auf Gegenseitigkeit beruhte und Probleme alle betrafen. Daher war das von Bahá’u’lláh offenbarte Wort Gottes allumfassend in seiner Vorsorge und das Heilmittel für die Lage der Menschheit; eine Lage, die das Allwissende Auge seit Ewigkeiten vorhergesehen hatte, obwohl sie die direkte Folge des menschlichen Willens und Handelns war. Sehr viele herausragende Menschen im gesamten Osten befolgten und akzeptierten diesen klar formulierten Maßstab für Einheit und Versöhnung. Zuvor unterschieden sie sich in religiöser Tradition, Bildung und Glaubensüberzeugung, waren feindselig und unversöhnlich, doch durch den gütigen, durchdringenden Einfluss des Heiligen Geistes – verkörpert in Bahá’u’lláh, dem »Wort, das Mensch wurde« Johannes 1,14 A – erreichten sie die gesegnete Stufe der Einheit und Liebe im Himmelreich.
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Um diese Einheit und Liebe zu stärken, zu bewahren und zu mehren, ernannte Bahá’u’lláh einen Nachfolger, dem sich alle nach Seinem eigenen Ableben zuwenden sollten, um Führung und Erleuchtung zu erhalten. Im Buch des Bundes, das von Seiner eigenen gesegneten Hand geschrieben wurde, ernannte Er Seinen ältesten Sohn, den Größten Ast, ‘Abdu’l-Bahá, zum Mittelpunkt des Bundes, in dem Bahá’í auf der ganzen Welt die Autorität des vollkommenen Dienens an der Schwelle des offenbarten Wortes erkennen. Dies ist es, was Seinen Titel, Sein Wesen und Sein ganzes Dasein ausmacht: ‘Abdu’l-Bahá – der Diener Bahás.
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Die große Weisheit dieser Ernennung zeigt sich in vielerlei Hinsicht. Das wird besonders deutlich, wenn wir uns bewusst machen, dass ‘Abdu’l-Bahá seit Seiner frühesten Kindheit untrennbar mit Bahá’u’lláh verbunden war. Er wurde am 23. Mai 1844 in Ṭihrán geboren, dem Tag und Datum der Verkündigung des Báb. Seine Geburt selbst kündete von der Bedeutung Seines Lebens und Daseins für die gottgewollten Abläufe und die Vollendung dieses leuchtenden Zyklus. Im Alter von acht Jahren gehörte Er zu der kleinen Gruppe Verbannter, die die persische Grenze zum ‘Iráq überquerten, Wechselfälle und Leid mit heroischer Kraft gemeinsam ertrugen und zusammen ständiger Inhaftierung in verschiedenen Städten ausgesetzt waren, bis sie am 31. August 1868 die Gefängnisfestung von ‘Akká in Syrien erreichten. Die Aufzeichnungen über ‘Abdu’l-Bahás Leben während dieser langen Zeit treuer Hingabe an Bahá’u’lláh und die Sache Gottes zeugen von Reinheit und Makellosigkeit, von wunderbarer Erhabenheit, strahlend in der Schönheit der Heiligkeit. Als das tyrannische Regime von Sultan ‘Abdu’l-Ḥamíd endete, wurden die Tore von ‘Akká geöffnet und am 40. Jahrestag Seiner Ankunft an diesem verlassenen und unsäglichen Ort kam ‘Abdu’l-Bahá frei. Dies geschah am 31. August 1908. Im Jahre 1911, zwei Jahre nach Seiner Freilassung aus einem 56 Jahre andauernden Martyrium, besuchte Er im Alter von 67 Jahren Europa. Er kehrte anschließend nach Ägypten zurück, von wo aus Er, wie bereits erwähnt, im Jahre 1912 nach Amerika einschiffte.
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Soweit sollten die Beweise für göttliche Kräfte und Einflüsse, die das Leben ‘Abdu’l-Bahás umgeben, ausreichen, um jede einsichtige Seele zu beeindrucken und zu überzeugen, dass wir es mit einer ungewöhnlichen und majestätischen Persönlichkeit zu tun haben, mit einer die Welt verändernden Gestalt, die zur Erhebung, Vereinigung und für den Frieden der Menschheit erschienen ist. In der Tat bleiben die Horizonte der Welt düster, solange wir die strahlende Schönheit der Sonne der Wahrheit nicht wahrnehmen. Die Menschheit, die immer tiefer und schneller in den Strudel des Materialismus gerät, sucht verzweifelt nach Hilfe und Heilung – nach einem kreativen und erneuernden Lebensgeist, nach Kraft und Heilung, die direkt von Gott kommen. Und genau jetzt lässt ‘Abdu’l-Bahá, der Botschafter des Weltfriedens und der Einheit der Menschheit, Seinen rettenden Ruf an die Völker der Welt mit himmlischen Worten ertönen, die von einer treibenden, dynamischen geistigen Kraft gestärkt und vom reinen Odem des Heiligen Geistes erfüllt sind.
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Der göttliche Bund, der seinen Zweck und Plan in der Geschichte und Bestimmung der Menschheit entfaltet, wurde entsprechend den Erfordernissen des Zeitalters und dem Grad des menschlichen Fassungsvermögens schrittweise offenbart. In jeder Sendung seiner Gnadengaben hat er einen neuen geistigen Impuls durch die Kanäle religiösen Glaubens in Verstand und Herz der Menschen gesetzt. Diese sprudelnden Ströme waren die Quelle des Lebens für die Menschheit und der einzige wahre Antrieb ihrer kulturellen Entwicklung. In jedem Zeitalter wurde dem Menschen Gehorsam gegenüber dem göttlichen Wort und der göttlichen Absicht sowie Festigkeit und Standhaftigkeit im ewigen Bund Gottes abverlangt. Die Geschichte zeigt, dass ausnahmslos und unausweichlich das Volk des Bundes wie in der Zeit Abrahams, Moses, Jesus und Muḥammads zur mächtigsten kulturbildenden Kraft und zum prägenden Einfluss auf den Fortschritt der Menschheit wurde und wie es durch Gehorsam und Treue gegenüber dem Sendboten des Bundes die Herausforderungen, mit denen es zu seiner Zeit konfrontiert war, bewältigte, seine Schwierigkeiten überwand, seine Fragen klärte und Ungewissheit ausräumte, sodass sich ihm stets weitere Perspektiven auf noch edlere Errungenschaften und erhabenere Visionen an den Horizonten menschlicher Bestimmung eröffneten. Entwicklung und Fortschritt sind wahrhaftig die Gaben des Gottesbundes, sie sind die göttliche Gabe einer höheren Befähigung zur Entwicklung, für Entdeckungen und Fortschritt. Das heißt, in jeder Epoche wurde das Volk des Bundes durch die Geschenke und Gaben des Bundes mit einer Macht belebt, die es ihm ermöglichte, die es umgebenden Bedrohungen zu überwinden, sein Umfeld zu beherrschen, die Bedingungen für Fortschritt und Wachstum zu schaffen, Lebenswandel und Gesetze zu läutern, Institutionen zu stärken und sich selbst mit der Glückseligkeit des Friedens, mit Wohlstand und der Einheit aufzurichten. Diejenigen hingegen, die den Bund ablehnten und seiner Wohltaten beraubt blieben, erlagen äußerlichen Kräften und Daseinsbedingungen, gerieten in Vergessenheit und waren unfähig, dauerhaft fortzubestehen. Dies ist die innere, durchdringende Kraft der reinen Religion Gottes, der göttliche Sauerteig des Geistes des Bundes, der sich in jedem Zeitalter durch einen ernannten gemeinsamen Mittelpunkt offenbart hat, dem alle in Treue und Standhaftigkeit Gefolgschaft zu leisten hatten, um nicht der herbeiströmenden und überfließenden Gaben Gottes verlustig zu gehen.
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Da dieses wunderbare Jahrhundert, dieser Tag Gottes, hinsichtlich seiner Lebensbedingungen und Anforderungen weltumspannend ist und von Wechselbeziehungen und gegenseitiger Abhängigkeit gekennzeichnet ist, wie sie zwischen den Nationen der Welt noch nie zuvor ersichtlich waren, und da Seine Heiligkeit Bahá’u’lláh an diesem Tag durch Sein Wort und Seine Feder das Buch des Bundes ohne jegliche Bevorzugung allen Völkern, Religionen und Menschen offenbarte und in heiligen Worten und Texten denjenigen benennt, dem sich alle in Gehorsam und Treue zuwenden müssen, folgt daraus, dass die Quelle strahlender Macht und himmlischer Gaben, der gemeinsame Mittelpunkt und der Punkt der Einheit, von dem aus die Gaben des Bundes nun der Menschheit zufließen, ‘Abdu’l-Bahá ist, der Diener Bahás, der Mittelpunkt des Bundes Gottes. Er ist der Kanal des läuternden, vereinigenden religiösen Glaubens, der neue Impuls und die neue Kraft, der schöpferische Geist der Erneuerung, Kraft und Heilung, die direkt von Gott kommt, der erfrischende Lebensstrom für die Menschheit, der auf alle Fragen Antwort gibt, der Erklärer des Buches, der Verleiher geistiger Fähigkeiten, der erhebende Impuls der Kultur, der Diener der gesamten Menschheit, der Mittelpunkt der Eintracht und Versöhnung aller Religionen, der Bannerträger des Weltfriedens und der Überbringer der Frohen Botschaft von der Einheit der Menschheit.
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‘Abdu’l-Bahás Stufe des Dienens in der göttlichen Sache gilt daher weltweit und umfasst alles, weit hinaus über die Beschränkungen von Hautfarbe und Herkunft, Bekenntnis, Glauben oder Nationalität; eine Stufe höchster Erhabenheit und zugleich vollkommener Demut: Diener der Diener Gottes. Sein Besuch an den Küsten der westlichen Welt ist in der Tat von großer Bedeutung; Seine Worte, gerichtet an die hochorganisierte materielle Zivilisation des Abendlandes, sind wahrhaft bedeutungsvoll; Seine Botschaft des Friedens und der Einheit der Menschheit, die den Osten und den Westen in geistiger Zusammengehörigkeit fest verbindet und die alte und die neue Welt unter den wohltätigen Gesetzen des himmlischen Königreichs vereint, ist wahrhaft machtvoll.
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Auf direktes Geheiß ‘Abdu’l-Bahás wurde diese Einführung von einem bescheidenen Anhänger Seines Lichtes und einem hingebungsvoll Liebenden Seiner Schönheit verfasst. Möge die Herrlichkeit Gottes dieses Herz erleuchten und seine Feder leiten, damit sie in dieser größten Aufgabe Seinem Willen gerecht werde.
Auszüge aus zwei Sendschreiben ‘Abdu’l-BahásAn den geschätzten Mr. Howard MacNutt, Brooklyn, New York, USA.
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Mein lieber Freund!
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… Deine Absicht, die von dir zusammengestellten Ansprachen ‘Abdu’l-Bahás zu drucken und zu veröffentlichen, ist wirklich sehr begrüßenswert. Dieser Dienst wird dein Angesicht im Abhá-Königreich erstrahlen lassen und dir das Lob und die Dankbarkeit der Freunde im Osten wie im Westen sichern. Aber lass äußerste Sorgfalt walten, damit der Text genau wiedergegeben wird und alle Fehler und Abweichungen, die früheren Dolmetschern unterlaufen sind, ausgeschlossen werden.
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‘Abdu’l-Bahá ‘Abbás
Haifa, Palästina, 13. April 1919
An den geschätzten Mr. Albert R. Windust, Chicago, Illinois, USA.
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O Diener Seiner Heiligkeit Bahá’u’lláh!
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… Der Titel des Buches, das Mr. MacNutt zusammenstellt, soll lauten: The Promulgation of Universal Peace (Die Verkündigung des Weltfriedens). Die Einleitung soll von Mr. MacNutt selbst verfasst werden, während er sich in seinem Herzen dem Abhá-Königreich zuwendet. So wird er eine bleibende Spur hinterlassen. Schicke ein Exemplar davon ins Heilige Land.
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‘Abdu’l-Bahá ‘Abbás
Bahjí, ‘Akká, Palästina, 20. Juli 1919
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